Einführung
Das italienischste Bauwerk der Schweiz hat die Alpen nie überquert, sondern wurde hier oben, Stein für Stein beziehungsweise Ziegel für Ziegel, auf eine Rebterrasse über dem Genfersee gesetzt. Unweit von Morges erhebt sich das Château de Vufflens im Kanton Waadt mit seinem warmen, ockerroten Turm und den gezackten Wehrabschlüssen so unverkennbar lombardisch, dass man eher Olivenhaine als Weinberge erwarten würde. Es zählt zu den eindrucksvollsten erhaltenen Beispielen lombardischer Backsteingotik nördlich der Alpen, ein Rätselbau aus dem 15. Jahrhundert, der bis heute privat bewohnt wird und gerade durch seine Unzugänglichkeit eine besondere Faszination entfaltet.
Das Schloss liegt in der Gemeinde Vufflens-le-Château, einem kleinen, gut erhaltenen Dorf zwischen Morges und Aubonne. Vom Seeufer aus fällt der Blick zuerst auf den mächtigen quadratischen Donjon, der weit über die Baumkronen und Reben hinausragt und der sanften Landschaft aus Chasselas-Hängen und Segelbooten einen unerwartet wehrhaften Akzent verleiht. Entscheidend ist das Material: Während fast alle anderen mittelalterlichen Burgen der Region aus lokalem Kalk- oder Bruchstein errichtet wurden, setzt Vufflens auf gebrannte Ziegel mit dekorativen Mustern, ganz in der Tradition Norditaliens.
Die Schweiz führt das Schloss als Kulturgut von nationaler Bedeutung der höchsten Schutzkategorie A, zusätzlich steht es unter kantonalem Denkmalschutz. Dennoch gibt es hier weder Kasse noch Audioguide noch Museumsshop. Wer Vufflens erlebt, tut das von den Gassen des Dorfes und den Wegen durch die Weinberge aus, wo sich die Anlage mit einer selbstverständlichen Ruhe gegen den Himmel abzeichnet, als habe sie jede politische Ordnung überdauert, die je Anspruch auf diese Landschaft erhob.
Wer Morges besucht und dort das Ufer sowie das Château de Morges erkundet, sollte den kurzen Abstecher nach Westen unbedingt einplanen. Schon die Anfahrt oder Radtour nach Vufflens-le-Château führt zu einer der überraschendsten Silhouetten der Schweiz: ein Stück Lombardei mitten in den Waadtländer Hügeln, das seine Geheimnisse bis heute nicht preisgeben musste.
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switzerland walkingSehenswertes
Der Bergfried und die Silhouette der fünf Türme
Was auf Fotos nie ganz glaubhaft wirkt: Dieses Schloss ist gewaltig. Der zentrale Bergfried ragt rund 36 Meter in die Höhe, also höher als ein zehnstöckiges Haus, und wenn man unten im Dorf den Kopf in den Nacken legt, füllt die blanke Backsteinwand beinahe das gesamte Blickfeld. Errichtet wurde die Anlage um 1415 bis 1430 für Henri de Colombier, einen einflussreichen Ratgeber des Herzogs von Savoyen. Nördlich der Alpen ist Schloss Vufflens damit eine Ausnahmeerscheinung: eine Burg, die fast vollständig aus gebrannten roten Ziegeln im lombardisch-gotischen Stil erbaut wurde, offenbar unter starkem Einfluss aus dem Herzogtum Mailand. Vier Ecktürme flankieren den massiven Hauptturm, zusammen formen sie eine Fünf-Türme-Silhouette, die in der Schweiz ihresgleichen sucht. Schon das Material überrascht: Vor sechs Jahrhunderten von Hand geformt, tragen viele Ziegel noch die kleinen Unregelmäßigkeiten ihrer Herstellung, und je nach Brand changieren ihre Töne von dunklem Siena bis zu hellem Terrakotta. Dazwischen setzen helle Kalksteine an Gebäudekanten, Fensterrahmen und Gesimsen markante Akzente, sodass die Architektur fast wie zweifarbig gezeichnet wirkt. Das Schloss ist in Privatbesitz und normalerweise nicht zugänglich. Gerade deshalb hat der Blick von außen eine besondere Intensität: Man steht vor einem der kühnsten mittelalterlichen Bauwerke des Landes, das bis heute Teil eines bewohnten Alltags ist.
Lombardisches Ziermauerwerk aus Backstein
Die meisten Besucher machen ihr Foto von der Straße und fahren weiter. Dabei lohnt es sich, am Fuß des nächstgelegenen Turms stehen zu bleiben und genauer hinzusehen. Über die oberen Mauerpartien ziehen sich Blendarkaden, also flache Schmuckbögen im Ziegel, die nicht aus der schweizerischen Bautradition stammen, sondern vielmehr an Kirchen und Stadtpaläste der Lombardei erinnern, gut 200 Kilometer weiter südlich. Wer den Bau geduldig umrundet, bemerkt, dass sich ihr Rhythmus von Seite zu Seite verändert, fast so, als hätte der Baumeister bewusst mit Variationen gearbeitet. Darüber werfen Konsolfriese und vorkragende Steinreihen unterhalb der Wehrgänge eine scharfe Schattenlinie, die im tiefen Nachmittagslicht besonders plastisch hervortritt. Auffällig sind auch die gotischen Doppelfenster in den Wohntrakten: zwei schlanke Öffnungen unter einem gemeinsamen Entlastungsbogen, ein Motiv, das man eher mit repräsentativer savoyischer Wohnarchitektur verbindet als mit einem Dorf über dem Genfersee. Das Farbspiel aus Rot und Weiß ist hier keine bloße Zierde. Es demonstriert Anspruch, Reichweite und kulturelle Orientierung. Henri de Colombier ließ in Backstein und Kalkstein sichtbar werden, dass sein Horizont weit über das lokale Bauen mit Holz und Bruchstein hinausreichte. Auch sechs Jahrhunderte später ist diese Botschaft noch erstaunlich klar lesbar.
Spaziergang durch die Weinberge: Schloss, Reben und Genfersee
Der eigentliche Reiz von Vufflens liegt nicht nur im Schloss selbst, sondern in einem rund halbstündigen Rundgang, den viele auslassen. Vom Dorfplatz folgt man den Wegen durch die Reben nach Osten und leicht bergauf, bis man ungefähr auf Höhe der oberen Schlossmauern ist. Dann nach Süden wenden, und plötzlich öffnet sich das Panorama des Genfersees in voller Breite, genau jener Ausblick, den schon Henri de Colombier von seinem Turm aus gehabt haben dürfte und der diesen Sporn überhaupt erst zu einem idealen Burgplatz machte. Bei klarer Sicht schwebt der Mont Blanc wie eine ferne Erscheinung über dem savoyischen Ufer. Im Herbst, zur Weinlese, riecht die Luft nach gärenden Chasselas-Trauben und feuchter Erde, während die Rebzeilen in Goldtönen leuchten und hinter einem das Rot des Backsteins aufglimmt, eine Farbkombination, die kaum irgendwo stärker nach Waadtland wirkt. Im Winter wiederum geben die kahlen Reben den Blick auf die volle Masse des Baukörpers frei; dann versteht man seine Dimensionen am besten. Das Gut gehört bis heute zu einem Weinbaugebiet, und die nahe Stadt Morges liegt nur etwa zehn Autominuten entfernt und lässt sich mit ihrem eigenen Seeufer-Schloss gut mit einem Besuch verbinden. Doch es lohnt sich, hier zunächst einfach zu bleiben. Gerade die Ruhe macht den Ort aus: keine Warteschlangen, keine Audioguides, nur Vogelstimmen, Wind in den Reben und sechs Jahrhunderte Backstein im wechselnden Licht.
Fotogalerie
Entdecke Schloss Vufflens in Bildern
Das Schloss Vufflens ist ein beeindruckendes Beispiel mittelalterlicher Militärarchitektur, das prominent in der Region Waadt in der Schweiz liegt.
[https://www.flickr.com/people/98778315@N00 St�phane Dewarrat] from Morges, Switzerland · cc by-sa 2.0
Eine lange, umzäunte Treppe führt zu den imposanten mittelalterlichen Steinmauern und Türmen des Schlosses Vufflens in Vufflens-le-Château, Schweiz.
[https://www.flickr.com/people/98778315@N00 St�phane Dewarrat] from Morges, Switzerland · cc by-sa 2.0
Das majestätische Schloss Vufflens thront prominent in Vufflens-le-Château, Schweiz, umgeben von malerischen Weinbergen unter einem klaren Sommerhimmel.
Manonroth · cc by-sa 3.0
Die imposante mittelalterliche Architektur des Schlosses Vufflens ragt vor dem Abendhimmel in Vufflens-le-Château, Schweiz, empor.
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Das majestätische Schloss Vufflens ragt prominent in Vufflens-le-Château, Schweiz, empor und zeigt seine ikonischen mittelalterlichen Türme und Steinarcheitektur vor einem strahlenden Sommerhimmel.
Ben Bender · cc by-sa 3.0
Ein malerischer Blick auf das historische Schloss Vufflens in Vufflens-le-Château, Schweiz, während ein Regionalzug durch die umliegenden Weinberge fährt.
Fabien Perissinotto · cc by-sa 3.0
Das majestätische Schloss Vufflens ist ein herausragendes mittelalterliches Wahrzeichen in Vufflens-le-Château, Schweiz, und zeigt seine gut erhaltenen Backsteintürme und Befestigungsanlagen.
Manonroth · cc by-sa 3.0
Das majestätische Schloss Vufflens thront prominent über sanften Weinbergen im malerischen Dorf Vufflens-le-Château, Schweiz.
Christian David · cc by-sa 4.0
Das historische Schloss Vufflens ragt an einem klaren, bewölkten Tag prominent über einem ruhenden Weinberg in Vufflens-le-Château, Schweiz.
Fanny Schertzer · cc by-sa 3.0
Das majestätische Schloss Vufflens erhebt sich über weitläufigen, sonnenverwöhnten Weinbergen im malerischen Dorf Vufflens-le-Château, Schweiz.
U.Bolla · cc by-sa 3.0
Das majestätische Schloss Vufflens ragt prominent über einem weitläufigen Weinberg im malerischen Dorf Vufflens-le-Château, Schweiz.
Christian David · cc by-sa 4.0
Das historische Schloss Vufflens überblickt an einem klaren Herbsttag sanfte Weinberge in Vufflens-le-Château, Schweiz.
Fanny Schertzer · cc by-sa 3.0
Achten Sie auf den Weinbergwegen westlich des Dorfes auf die vorkragenden Maschikulis an den Ecktürmen und am oberen Abschluss der Anlage. Diese steinernen Konsolen und Öffnungen dienten einst der Verteidigung und sind hier ungewöhnlich gut erhalten. Selbst von außen lassen sie sich erstaunlich gut erkennen und machen Vufflens zu einem lehrbuchhaften Beispiel spätgotischer Wehrarchitektur.
Besucherlogistik
Anreise
Vom Bahnhof Morges sind es rund 5 Kilometer mit dem Auto oder etwa 15 Minuten mit dem Velo über die kleinen Strassen durch die Weinberge bis nach Vufflens-le-Château. Wer aus Lausanne kommt, nimmt die A1 Richtung Genf und fährt bei Morges-Ouest ab; das Dorf ist ab dort ausgeschildert. Wichtig fürs Navi: Ziel ist Vufflens-le-Château und nicht Vufflens-la-Ville, das gut 10 Kilometer entfernt liegt und regelmässig für Umwege sorgt.
Öffnungszeiten
Schloss Vufflens ist auch 2026 ein Privatwohnsitz und nicht öffentlich zugänglich. Es gibt weder Kasse noch Besucherzentrum noch reguläre Öffnungszeiten. Zu sehen ist die Anlage das ganze Jahr über von den öffentlichen Strassen und den Rebenwegen rund um das Dorf. Bitte nicht die Zufahrt zum Schloss hinauffahren: Besucher werden dort abgewiesen.
Zeitbedarf
Für einen entspannten Rundgang durch das Dorf und entlang der Weinbergwege, von denen sich die schönsten Blicke auf das Schloss ergeben, sollte man etwa 30 bis 45 Minuten einplanen. Besonders stimmig wird der Ausflug, wenn man ihn mit einem halben Tag auf der Weinroute der La Côte verbindet, etwa über Féchy, Vinzel und Aubonne.
Barrierefreiheit
Die öffentliche Dorfstrasse in Vufflens-le-Château ist asphaltiert und mit dem Rollstuhl grundsätzlich gut befahrbar; von dort aus hat man bereits freie Sicht auf die Türme des Schlosses. Die schönsten Panoramawege durch die Rebberge sind jedoch unbefestigt, teils steil und nach Regen oft schlammig, also nicht rollstuhlgerecht.
Tipps für Besucher
Beste Fotospots
Die eindrucksvollsten Perspektiven eröffnen sich auf den Rebwegen südlich und westlich des Dorfes. Von dort hebt sich die markante Silhouette des Schlosses mit seinem quadratischen Bergfried, den flankierenden Türmen und der mächtigen Rundung eines Eckturms über den Reben ab, dahinter glitzert der Genfersee. Am schönsten ist das Licht am frühen Morgen, wenn die Sonne von Osten auf die Hauptfassade fällt.
Keine Drohnen
Nach den Schweizer Luftfahrtregeln sind Drohnenflüge über privat bewohnten Gebäuden ohne ausdrückliche Zustimmung des Eigentümers unzulässig. Da Schloss Vufflens ein privater Wohnsitz ist, ist eine Drohne hier nicht nur rechtlich problematisch, sondern im Dorf auch die schnellste Art, unangenehm aufzufallen.
Wein mit Aussicht
Das Schloss liegt mitten im Gebiet der AOC La Côte, einer der klassischen Chasselas-Landschaften des Waadtlands. Beim jährlichen Wochenende der Caves Ouvertes im Mai öffnen zahlreiche Weingüter in der Umgebung ihre Keller, und zwischen den Reben verkostet man mineralische, leichte Weissweine mit Blick auf die Schlosstürme. Wer Flaschen vom Schlossgut selbst kaufen möchte, sollte vorher nachfragen und nicht auf spontane Degustationen setzen.
Essen in Féchy
In Vufflens-le-Château selbst gibt es kein Café, kein Restaurant und keinen Laden. Eine gute Adresse ist westlich das Auberge communale de Féchy mit klassischer Küche und Chasselas aus eigenem Anbau im Bereich von etwa CHF 25 bis 45. Alternativ bietet sich südlich Morges an, etwa für Filets de perche direkt an der Uferpromenade.
Am besten im Mai
Ende April bis Mai ist die schönste Zeit für einen Besuch: Die Reben leuchten frischgrün, in Morges blüht das Tulpenfestival am Seeufer, und während der Caves Ouvertes wird die ganze La Côte zur grossen Freiluft-Weinbar. Wer werktags früh kommt, hat die Wege durch die Rebberge oft fast für sich allein.
Mit Morges verbinden
Ideal ist die Kombination mit Château de Morges, einem Schloss am See, das im Gegensatz zu Vufflens tatsächlich besichtigt werden kann. Der Unterschied ist aufschlussreich: Morges wirkt wie eine wehrhafte savoyische Festung, Vufflens dagegen wie ein lombardisch-gotisches Prestigeprojekt. Zusammen erzählen beide Orte viel über das mittelalterliche Waadtland.
Wo essen
Das sollten Sie unbedingt probieren
Restaurant de l'Hôtel de Ville de Crissier
fine diningBestellen: Das saisonale Degustationsmenü – Benoît Virets mehrgängige Progression durch die besten lokalen und französischen Zutaten ist der Grund, warum Sie die Reise antreten.
Eine der großen Drei-Michelin-Sterne-Institutionen der Schweiz, diese legendäre Adresse in der Nähe von Morges ist seit der Ära von Frédy Girardet ein Pilgerziel für Feinschmecker. Jetzt unter Benoît Viret bleibt sie der Gipfel der französischen Haute Cuisine im Waadtland.
Auberge de la Couronne
local favoriteBestellen: Papet vaudois – der Lauch-Kartoffel-Gratin mit Kohlwurst ist die Seele der Waadtländer Küche in ihrer tröstlichsten Form.
Die Quintessenz einer Schweizer Dorfauberge, nur wenige Gehminuten von den Schlossmauern entfernt, wo Winzer aus La Côte zum Mittagessen einkehren. Ehrliche, unprätentiöse Küche mit einer starken lokalen Weinkarte, die die umliegenden Weinberge in den Vordergrund stellt.
Café-Restaurant du Port
local favoriteBestellen: Filets de perche meunière – leicht bemehlte Genfersee-Barschfilets in Butter gebraten, serviert mit Pommes Frites und einem kalten Glas lokalen Chasselas.
Die Uferpromenade von Morges ist die richtige Adresse für das Signature-Gericht der Region. Dieser zwanglose Hafenort serviert perfekt zubereiteten Barsch aus dem See mit Blick über den Genfersee auf die Alpen – eine Kombination, die nie alt wird.
Cave de la Couronne — Domaine local
quick biteBestellen: Ein Glas Chasselas vom Weingut, gepaart mit lokaler Wurstwaren und einem Hartkäse aus dem Waadtland – die einfachste und ehrlichste Art, in dieser Ecke der Schweiz zu essen.
Die Weinroute La Côte führt direkt durch Vufflens, und mehrere Domänen öffnen ihre Keller für Verkostungen mit einfachen Snacks. Halten Sie bei jedem Weingut, das eine offene Fahne zeigt – es ist einer der großen günstigen Genüsse eines Besuchs in diesem Teil des Waadtlandes.
Restaurant-Tipps
- check Die Schweiz ist teuer – ein zwangloses Mittagessen kostet 20–30 CHF, feines Essen 150+ CHF pro Person ohne Wein.
- check Der Service ist in jeder Rechnung enthalten; Trinkgeld durch Aufrunden oder 5–10 % für wirklich exzellenten Service.
- check Karten werden weitgehend akzeptiert, aber führen Sie Schweizer Franken für Weinproben in Dorfkellern und auf Bauernhöfen mit sich.
- check Buchen Sie das Hôtel de Ville de Crissier Wochen oder sogar Monate im Voraus – es ist schnell ausgebucht.
- check Das Mittagsmenü du jour bietet mit Abstand das beste Preis-Leistungs-Verhältnis: zwei Gänge für 18–28 CHF in den meisten Restaurants.
- check Traditionelle Essenszeiten: Mittagessen 12:00–14:00 Uhr, Abendessen 19:00–21:30 Uhr – Küchen schließen pünktlich.
- check Bestellen Sie bei Fisch aus dem See einen lokalen Chasselas – er ist die kanonische Paarung und fast immer glasweise erhältlich.
Restaurantdaten bereitgestellt von Google
Historischer Kontext
Ein lombardischer Traum auf waadtländischem Boden
Schon der Ortsname trägt vermutlich einen fernen Nachhall der Römerzeit in sich: Vufflens könnte auf einen gallorömischen Personennamen zurückgehen und damit auf einen frühen Gutshof in dieser erhöhten Lage über dem See verweisen. Im 12. und 13. Jahrhundert ist dann ein Adelsgeschlecht "de Vufflens" belegt, auch wenn von der damaligen Befestigung nichts sicher im heutigen Bau erhalten ist. Die Geschichte des Schlosses in seiner heutigen Gestalt beginnt erst im frühen 15. Jahrhundert, als Henri de Colombier etwas wagte, das in der Region singulär war: eine repräsentative Burg aus Backstein im Stil der lombardischen Architektur.
Das war keine bloße Laune des Geschmacks. Das frühe 15. Jahrhundert war die Blütezeit der Visconti-Herrschaft in Mailand, und ihre Residenzen und Festungsbauten setzten Maßstäbe weit über die Alpen hinaus. Dass ein waadtländischer Herr gerade diesen Stil wählte, verrät viel über seine kulturellen Orientierungspunkte. Der Blick ging nicht nach Bern und auch nicht in erster Linie nach Frankreich, sondern nach Süden, hinüber zur Lombardei, damals eines der reichsten und architektonisch kühnsten Zentren Europas.
Henri de Colombier und die Baumeister aus Mailand
Henri de Colombier war nicht nur vermögend, sondern politisch in einer heiklen Grenzregion positioniert. Zwischen savoyischen und bernischen Einflusssphären musste Macht sichtbar gemacht werden, auch wenn sie in Wirklichkeit nicht immer gesichert war. Vieles spricht dafür, dass um 1415 Baumeister aus der Lombardei oder zumindest Handwerker mit entsprechender Ausbildung nach Vufflens kamen, Spezialisten für jene Ziegelbauweise, die damals die Stadtsilhouetten Norditaliens prägte. Das Vorhaben war enorm: Ziegel mussten gebrannt oder herangeschafft werden, und Schmuckformen wie Gesimse, Friese und vorkragende Abschlüsse verlangten nach Können, das im Waadtland damals kaum verbreitet war.
Für Henri stand weit mehr auf dem Spiel als bloße Repräsentation. Der hoch aufragende Donjon setzte ein weithin lesbares Zeichen, sichtbar vom See, von den Straßen und von den umliegenden Höhen. Der Bau dürfte sich bis ungefähr 1430 hingezogen haben und erhebliche Mittel verschlungen haben. Was als dynastisches Prestigeprojekt begann, wurde bald von der Geschichte überholt: Innerhalb eines Jahrhunderts veränderte sich die politische Landkarte der Region grundlegend.
Die Zäsur kam 1536, als bernische Truppen das Pays de Vaud übernahmen und die savoyische Herrschaft beendeten. Vufflens wechselte den politischen Rahmen, ohne eine große militärische Rolle zu spielen. Gerade das könnte sein Glück gewesen sein. Burgen, die strategisch wichtig blieben, wurden belagert, umgebaut oder entstellt. Vufflens dagegen wurde als Wohnsitz weitergenutzt und gerade dadurch bewahrt.
Der Ziegel, der hier eigentlich nicht hingehört
Wer andere waadtländische Burgen wie Morges, Rolle oder Aigle umrundet, sieht Kalkstein, Granit und Bruchmauerwerk. Vufflens wirkt dagegen wie ein bewusster Fremdkörper. Die lombardische Ziegelarchitektur ist hier keine lokale Entwicklung, sondern ein Import. Blendarkaden, dekorative Ziegelverbände und vorkragende Maschikulis verweisen klar auf Bautraditionen aus der Poebene. Meist wird Henri de Colombier als Auftraggeber genannt, der italienische Baumeister oder wenigstens stark italienisch geprägte Werkleute herangezogen haben dürfte, auch wenn bis heute kein Vertrag und keine namentlich gesicherte Bauabrechnung bekannt sind. Das Ergebnis wirkt, als hätte man ein Stück einer oberitalienischen Festungsresidenz zwischen die Chasselas-Reben gesetzt.
Sechs Jahrhunderte in privater Hand
Nach der Zeit der Colombier ging das Schloss durch die Hände mehrerer waadtländischer Adelsfamilien, ohne dass sein mittelalterliches Erscheinungsbild grundlegend verändert worden wäre. Nach der bernischen Eroberung von 1536 blieb Vufflens keine Garnison, sondern vor allem ein adliger Wohnsitz, und auch der politische Umbruch von 1798 änderte daran wenig. Bis heute ist das Anwesen in privater Hand geblieben, was in der Schweiz selten genug ist: keine Umnutzung zum Museum, kein Hotel, kein Verwaltungsbau. Gerade diese ununterbrochene Wohnnutzung erklärt den bemerkenswert guten Erhaltungszustand ebenso wie die Tatsache, dass Besucher das Schloss fast immer nur von außen erleben.
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Häufig gefragt
Kann man das Château de Vufflens von innen besichtigen? add
Nein. Das Château de Vufflens ist bis heute ein privater Wohnsitz und normalerweise nicht für Besucher zugänglich. Es gibt weder Kasse noch feste Öffnungszeiten oder ein Besucherzentrum. Sehen kann man das Schloss dennoch wunderbar: von den öffentlichen Straßen im Dorf Vufflens-le-Château und von den Weinwegen rund um den Hügel aus. In manchen Jahren öffnet es ausnahmsweise zu den Europäischen Tagen des Denkmals im September, doch das ist keineswegs garantiert. Am besten prüft man das jeweilige Herbstprogramm von Patrimoine Suisse.
Lohnt sich ein Besuch beim Château de Vufflens? add
Unbedingt, auch ohne Innenbesichtigung. Vufflens gehört zu den eindrucksvollsten mittelalterlichen Schlossbildern der Schweiz: fünf Türme aus rötlichem lombardischem Backstein über den Rebhängen des Genfersees, eine Silhouette, wie man sie nördlich der Alpen kaum ein zweites Mal findet. Gerade der Spaziergang durchs Dorf und zwischen den Rebzeilen macht den Reiz aus, denn dort spürt man erst die Wucht der Anlage. Der Hauptturm ragt ungefähr 36 Meter auf und überhöht die niedrigen Steinhäuser des Dorfes beinahe wie ein Hochhaus aus einer anderen Epoche. Kombiniert man den Abstecher mit einer Chasselas-Degustation in der La Côte, ergibt sich daraus einer der schönsten Halbtagesausflüge im Waadtland.
Wie kommt man von Morges zum Château de Vufflens? add
Vufflens-le-Château liegt rund fünf Kilometer nordwestlich von Morges und ist mit dem Auto in etwa zehn Minuten über die Route de Vufflens zu erreichen. Einen direkten Zug ins Dorf gibt es nicht. Sehr schön ist die Anfahrt mit dem Fahrrad: Von Morges aus fährt man in ungefähr 20 Minuten leicht bergauf durch eine der reizvollsten Weinlandschaften des Kantons. Wichtig ist nur, das Ziel nicht mit Vufflens-la-Ville zu verwechseln, einem anderen Ort etwa zehn Kilometer entfernt, den Navigationsgeräte gelegentlich fälschlich ansteuern.
Wann ist die beste Zeit für einen Besuch des Château de Vufflens? add
Am schönsten ist der Besuch im Herbst, besonders von Ende September bis Mitte Oktober. Während der Weinlese färben sich die Reben goldgelb und bernsteinfarben, dazu kommen das Rot des Backsteins und das Blau des Sees: ein Farbenspiel, das die Landschaft des Waadtlands auf den Punkt bringt. Für Fotos ist der frühe Morgen ideal, wenn die Sonne von Osten auf die Hauptfassade fällt. Auch der Frühling ist großartig, sobald die Reben in frischem Grün austreiben. Im Winter wiederum wirken die kahlen Rebzeilen und ein Hauch von Schnee auf den Türmen besonders grafisch und architektonisch klar.
Warum ist das Château de Vufflens aus rotem Backstein gebaut? add
Weil sein Bauherr Henri de Colombier um 1415 bis 1430 nicht einfach nur ein Schloss errichten, sondern ein Zeichen setzen wollte. Als Berater des Herzogs von Savoyen orientierte er sich kulturell und politisch nach Norditalien und ließ lombardische Baumeister kommen, die nicht mit dem hier üblichen Kalkstein, sondern mit gebranntem Backstein arbeiteten. So entstand ein in der Schweiz nahezu einzigartiges Bauwerk: roter Handstrichziegel, durch weiße Kalksteinrahmungen akzentuiert, dazu Blendarkaden und vorkragende Türmchen, wie man sie sonst eher aus dem Mailänder Raum kennt. Wer genau hinsieht, erkennt im Mauerwerk noch heute Spuren handwerklicher Arbeit aus dem frühen 15. Jahrhundert.
Wie viel Zeit sollte man für das Château de Vufflens einplanen? add
Für den Spaziergang durchs Dorf und die Außenansichten sollte man etwa 30 bis 45 Minuten einplanen. Wer die Weinberge dazu nimmt und noch eine Degustation in der Umgebung einbaut, macht daraus mühelos einen halben Tag. Da das Schloss innen nicht zugänglich ist, besteht der Besuch aus einem Rundgang durch die Gassen von Vufflens-le-Château und entlang der Rebwege, die immer neue Perspektiven auf die fünftürmige Anlage eröffnen. Am besten betrachtet man Vufflens als einen Höhepunkt an der Weinroute der La Côte und verbindet ihn mit Kostproben in Féchy, Vinzel oder Aubonne sowie einem Mittagessen am See in Morges.
Kann man das Château de Vufflens kostenlos besuchen? add
Ja. Die Außenansicht des Schlosses kostet nichts. Die öffentlichen Straßen durch Vufflens-le-Château und die Weinbergwege rund um den Schlosshügel sind das ganze Jahr frei zugänglich. Einen Eintritt gibt es schon deshalb nicht, weil es keinen öffentlichen Zugang ins Innere gibt: Das Schloss ist ein Privathaus. Ausgaben entstehen allenfalls für Wein, falls man ein Gut in der Umgebung besucht, oder fürs Parken in Morges beziehungsweise am Dorfrand.
Was sollte man am Château de Vufflens auf keinen Fall verpassen? add
Drei Dinge sollte man sich nicht entgehen lassen. Erstens: nah genug ans Mauerwerk herangehen, um die Oberfläche der Ziegel zu studieren. Aus der Ferne wirkt das Schloss einfach rot, aus der Nähe sieht man die Unregelmäßigkeiten handgeformter Steine, feine Farbwechsel aus dem Brennofen und den hellgrau gealterten Kalkmörtel. Zweitens: die weißen Kalksteinrahmungen bewusst mit dem Blick verfolgen, denn sie zeichnen die Statik des Baus fast wie eine zweifarbige Architekturskizze nach. Drittens: sich auf den Weinwegen einmal vom Schloss wegdrehen und nach Süden schauen. Der weite Blick über den Genfersee bis zum Mont Blanc erklärt sofort, warum man genau diesen Vorsprung für den Bau gewählt hat.
Quellen
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verified
Wikipedia — Schloss Vufflens (Französisch)
Allgemeiner historischer Überblick, Baudaten, architektonische Beschreibung und Denkmalschutzstatus
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verified
Wikipedia — Vufflens Castle (Englisch)
Englischsprachige Zusammenfassung von Geschichte, Architektur und kultureller Bedeutung
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verified
Inventar der schützenswerten Kulturgüter von nationaler Bedeutung (KGS/PBC)
Bundesweite Denkmalliste, die den Status Kategorie A (nationale Bedeutung) bestätigt
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verified
Patrimoine Suisse / Schweizer Heimatschutz
Informationen zum Zugang zu den Europäischen Tagen des Denkmals und zum Denkmalschutzstatus
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Morges Région Tourisme
Informationen des lokalen Tourismusbüros zu praktischen Besuchsfragen und regionalen Veranstaltungen
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verified
Kanton Waadt — Kulturerbe
Kantonale Denkmalliste und Schutzdokumentation
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verified
Caves Ouvertes Vaudoises
Jährliches Fest der offenen Weinkeller in den Weinbergen in der Nähe von Vufflens
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verified
notreHistoire.ch
Plattform für Lokalgeschichte des Waadtlandes mit historischen Fotografien und Berichten aus der Gemeinschaft
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